Neun Stolpersteine für Mainz-Hechtsheim

Der Initiator des europaweit erfolgreichen Gedenkprojekts „Stolpersteine“, der Künstler Gunter Demnig, hat am 24. Juni 2013 zum ersten Mal im Mainzer Stadtteil Hechtsheim gearbeitet. Im Auftrag des Vereins Hechtsheimer Ortsgeschichte hat er beginnend in der Bachstraße 1 an sechs Orten insgesamt neun Stolpersteine verlegt. Die in die Bürgersteige eingelassenen Steine erinnern an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, deren Häuser in der Pogromnacht des November 1938 heimgesucht wurden, und die 1942 vom NS-Regime deportiert und ermordet wurden. Die Opfer gehörten zu den drei großen und weit verzweigten Familien Kapp, Selig und Weiß, die sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Hechtsheim niedergelassen hatten.

Die Stolperstein-Verlegung begann in Anwesenheit der Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse. Die weiteren Verlegeorte waren: Alte Mainzer Straße 8, Bürgermeister-Keim-Straße 2 – heutiger Standort der Mainzer Volksbank, Am oberen Born 1, Heuerstraße – Grundstück hinter der Nr. 9, Grauelstraße 19.

Im Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte hatte der vor einigen Jahren verstorbene frühere SPD-Fraktionsvorsitzende im Ortsbeirat, Siegmar Hübschmann, das Projekt angeregt. Maßgeblich bearbeitet wurde es unter anderem von Renate Knigge-Tesche, die unter anderem die Lebensläufe der Opfer recherchierte und in einer umfassenden Darstellung zusammenfasste.

In den folgenden, mit Bildern der Verlegung illustrierten Beiträgen werden die Lebensschicksale der Personen vorgestellt, an die mit den Stolpersteinen erinnert wird (bearbeitet von Renate Knigge-Tesche):

David Kapp

Über mehrere Generationen hatte die weit verzweigte Familie Kapp in Hechtsheim gewohnt. Etliche der Kapps waren hier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Viehhändler tätig gewesen. Benjamin Kapp, 1791 geboren, war neben Simon Selig einer der beiden ersten uns bekannten israelitischen Haushaltsvorstände im Dorf. Aus Weisenau stammend, war Benjamin Kapp 1814 in Hechtsheim eingebürgert worden. Er war David Kapps Urgroßvater, der seine Kinder in den 1820er Jahren in die örtliche Volksschule schickte. Eines dieser Kinder war der 1818 in Hechtsheim geborene David, dessen Vorname an den Enkel weitergegeben wurde.

Dieser Enkel, David Kapp, wurde am 25. November 1882 als Sohn des Handelsmannes Emanuel Kapp und seiner Frau Mathilde, geborene Schlösser, in Hechtsheim geboren. Das Ehepaar hatte drei Kinder: die 1880 geborene Johannette, den 1882 geborenen David und den Sohn Karl, der 1885 zur Welt gekommen war. Der Vater, 1850 geboren, war Hechtsheimer; die Mutter stammte aus Sörgenloch und war dort 1852 geboren worden. Das Haus Mainzer Straße 8 – heute: Alte Mainzer Straße 8 – war elterlicher Besitz und ging nach dem Tod des Vaters 1928 an den Sohn David über. Die Mutter war bereits 1917 verstorben. Emanuel und Mathilde Kapp sind auf dem jüdischen Friedhof Hechtsheim beerdigt.

David Kapp hatte mit dem Haus seiner Eltern auch das kleine Textil- und Kurzwarengeschäft vom Vater übernommen und verdiente seinen Lebensunterhalt zum Teil durch Hausieren, eine in damaliger Zeit gerade auf dem Land weit verbreitete Form des Warenverkaufs. Im Mai 1931, einer durch die weltweite Finanzkrise geprägten Zeit, bot er im „Hechtsheimer Anzeiger“ auch „Ia junges Ochsenfleisch“ aus Hausschlachtung zum Verkauf an. David Kapp war ein Mann von kleiner, untersetzter Statur und blieb unverheiratet. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Karl war 1916 als Soldat im Ersten Weltkrieg mit 31 Jahren gefallen. Die ältere Schwester Johannette hatte 1906 Hugo Mayer aus Ober-Ingelheim geheiratet und war dorthin gezogen.

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, musste David Kapp in den Folgejahren alle Demütigungen und Schikanen ertragen, mit denen die Nazis die Juden drangsalierten und unter ständige Kontrolle stellten, in einer kleinen Gemeinde wie Hechtsheim mehr noch als in der Stadt. Er wird nicht mehr gewagt haben, von Haus zu Haus zu gehen, um Ware anzubieten. Wenige, die ihn achteten und trotz Verbots weiterhin grüßten, werden ihm heimlich etwas abgekauft haben, wenn es den örtlichen Nazis nicht auffiel.

Gleichwohl versorgte David Kapp noch bis in die ersten Kriegsjahre seinen Acker und Garten in der Gemarkung, nicht zuletzt der Not der Selbstversorgung geschuldet. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde auch sein Haus heimgesucht. Am Tag danach hielten ihn SA-Männer aus dem Fenster im ersten Stock seines Hauses und weideten sich an seiner Angst, unter dem Gejohle Schaulustiger. Niemand griff helfend ein.

Dennoch blieb David Kapp in seinem Haus in der Mainzer Straße – während der NS-Zeit in Adolf-Hitler-Straße umbenannt – wohnen, als nach der Pogromnacht die wenigen noch in Hechtsheim verbliebenen Juden fliehen mussten. Die Gemeinde war seine Heimat und die seiner Vorfahren. Von hier aus war sein Bruder Karl „für Volk und Vaterland“ in den Krieg gezogen und hatte sein Leben gelassen. Wie viele jüdische Bürgerinnen und Bürger konnte wahrscheinlich auch David Kapp sich kaum vorstellen, dass Deutschland unter der NS-Herrschaft seinen gewaltsamen Tod im Auge hatte.

Von Hechtsheim aus wurde David Kapp über Mainz und Darmstadt am 30. September 1942 deportiert und im Alter von knapp 60 Jahren, vermutlich in Treblinka, ermordet. Auf der erhalten gebliebenen Liste der Gestapo Darmstadt mit 883 Namen der Opfer aus dem Gebiet des früheren Volksstaates Hessen steht zynisch „Wohnsitzverlegung nach dem Generalgouvernement“.

Auch David Kapps ältere Schwester Johannette wurde mit diesem Transport in den Tod geschickt. Am 23. November 1880 in Hechtsheim geboren, war sie nach dem Tod ihres Mannes in der Ingelheimer Heimesgasse 14 wohnen geblieben. Beide Geschwister trugen die Nummern 787 und 805 dieser Transportliste des Massenmordes. In diesen Transport gezwungen wurden ebenfalls die Hechtsheimer Ehepaare Julius und Elisabeth Weiß sowie Max und Recha Weiß mit ihrer Tochter Ilse.

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Berthold und Margarethe Selig, geb. Hirsch

Über mehrere Generationen hatte die weit verzweigte Familie Selig in Hechtsheim gewohnt und ihren Lebensunterhalt als Frucht-, Getreide- und Viehhändler verdient. Simon Selig I., 1783 in Wiesenbronn bei Würzburg geboren und 1813 in Hechtsheim eingebürgert, war neben Benjamin Kapp einer der beiden ersten uns bekannten israelitischen Haushaltsvorstände im Dorf, dessen Kinder in den 1820er Jahren in die örtliche Volksschule gingen. Er war Berthold Seligs Urgroßvater.

Berthold wurde am 18. Februar 1878 als ältestes von vier Kindern des Fruchthändlers Siegmund Selig und seiner Frau Regina, geborene Kahn, in Hechtsheim geboren. Der Vater, 1847 geboren, war Hechtsheimer; die Mutter, 1854 geboren, stammte aus Worfelden, heute Ortsteil von Büttelborn. Beide starben 1916 bzw. 1904 und ruhen auf dem jüdischen Friedhof Hechtsheim.

1904 heiratete Berthold Selig die ein Jahr jüngere Margarethe Hirsch, am 21. Januar 1879 in Büttelborn geboren. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: die am 16. Oktober 1909 geborene Tochter Alice Regina und den am 6. November 1910 geborenen Sohn Lucian Jakob. Berthold Selig war Viehhändler von Beruf und wohnte mit seiner Familie in dem vom Vater übernommenen eigenen Haus in der Grauelstraße 19. In den 1920er Jahren gehörte er dem Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde an. Die Seligs fühlten sich, wie viele Landjuden, dem orthodox-traditionellen Judentum verpflichtet, orientierten sich hinsichtlich der Ausbildung ihrer Kinder zugleich nach den besseren Möglichkeiten, die in der Stadt Mainz geboten wurden.

Die Tochter Alice besuchte nach ersten Schuljahren in Hechtsheim zunächst die von der Israelitischen Religionsgesellschaft, der strenggläubigen Gruppierung unter dem Dach der Mainzer jüdischen Gemeinde in Mainz betriebene Bondischule, so benannt nach dem orthodoxen Rabbiner Dr. Jonas Markus Bondi, der die Schule lange leitete. Von 1921 bis 1924 war sie Schülerin der Mainzer Höheren Mädchenschule – heute Frauenlob-Gymnasium. Im Juni 1934 heiratete sie in ihrer Heimatgemeinde den aus dem rheinhessischen Fürfeld (heute Verbandsgemeinde Bad Kreuznach) stammenden Karl Kahn. Beide konnten bald danach in die USA auswandern, wo ihr Sohn Erwin 1935 zur Welt kam. Alice Kahn, geborene Selig, starb 1950 im Alter von nur 40 Jahren in New York.

Der Sohn Lucian, ebenfalls zuerst in Hechtsheim eingeschult und anschließend nach Mainz gewechselt, hatte nach dem Schulbesuch eine kaufmännische Ausbildung in Mainz gemacht und war dort in der weit über Deutschland hinaus bekannten Sektkellerei Schönberger Cabinet A.G. in der Walpodenstraße, die 1938 „arisiert“ wurde, bis zu seiner Auswanderung tätig. 1934 hatte man ihm die Ausstellung eines Reisepasses verweigert mit der vorgeschobenen Begründung, er werde im Ausland abträgliche Propaganda gegen das nationalsozialistische Deutschland betreiben. Hintergrund war, dass Steinwürfe gegen die Fenster und Läden des elterlichen Hauses kurz zuvor einen Schaden angerichtet hatten. Im März 1938 gelang ihm schließlich doch die Auswanderung in die USA, wo er 1961 starb.

Seit Beginn der NS-Herrschaft wurde Berthold Selig mit seiner Familie zunehmend ausgegrenzt. Geschäfte mit jüdischen Viehhändlern und deren Teilnahme an Viehmärkten wurden sukzessive unterbunden. Nicht nur die Steinwürfe gegen sein Haus schon 1933 setzten ihm zu. In einem Pamphlet mit der Überschrift „Das ist der Jude!“ kam es im Dorf auch zu der öffentlichen Anschuldigung, Berthold Selig habe Milch mit einem zu geringen Fettgehalt verkauft. Wie allen Juden wurde auch ihm die Ausübung seines Berufs verboten und er sah sich gezwungen, einen Großteil seines Grundbesitzes unter Wert zu verkaufen. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde sein Haus mit allem Hausrat weitgehend demoliert.

Berthold Selig und seine Frau Margarethe sahen sich daher Anfang Januar 1939 zum Umzug nach Mainz gezwungen, weil nach der Zerstörung ihres Hauses ein Leben im Dorf unmöglich geworden war. Sie lebten dort in der Adam-Karrillon-Straße 54, einem der zahlreichen, bald danach zu „Judenhäusern“ deklarierten Gebäude, in denen die Nazis viele jüdische Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf engstem Raum zusammendrängten, um sie besser kontrollieren und schließlich deportieren zu können. Das Ehepaar Selig bewohnte ein Zimmer, die Küche mussten sie mit zwei weiteren Ehepaaren teilen.

Am 25. März 1942 wurden Berthold und Margarethe Selig von Mainz über Darmstadt in einem Transport mit 1.000 Menschen aus dem Gebiet des früheren Volksstaats Hessen, davon 466 aus Mainz, in das Ghetto Piaski/Kreis Lublin deportiert und kurze Zeit später, wahrscheinlich in Sobibór, ermordet. Die Eheleute Selig waren damals 64 bzw. 63 Jahre alt.

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Siegfried Josef und Antonie Selig, geb. Kahn

Über mehrere Generationen hatte die weit verzweigte Familie Selig in Hechtsheim gewohnt und ihren Lebensunterhalt als Frucht-, Getreide- und Viehhändler verdient. Simon Selig I., 1783 in Wiesenbronn bei Würzburg geboren und 1813 in Hechtsheim eingebürgert, war neben Benjamin Kapp einer der beiden ersten uns bekannten israelitischen Haushaltsvorstände im Dorf, dessen Kinder in den 1820er Jahren in die örtliche Volksschule gingen. Er war Siegfried Josef Seligs Großvater.

Siegfried Josef Selig (ursprünglich Siegfried Gustav genannt) wurde am 10. Mai 1868 in Hechtsheim geboren. Er war eines von sechs Kindern des 1834 geborenen Fruchthändlers Ludwig Selig und dessen erster, 1873 verstorbenen Frau Esther, geb. Sondheimer. Im Februar des Jahres 1900 heiratete er die aus Büdesheim bei Friedberg stammende Antonie Kahn, dort am 12. Januar 1874 geboren. Siegfried Josef Selig betrieb einen Futtermittel- und Landhandel und wohnte mit seiner Familie im eigenen Haus Breite Straße 2 (1933 bis 1945 in Hindenburgstraße umbenannt, heute Bürgermeister-Keim-Straße). 1901 bzw. 1904 kamen die Töchter Emma und Cäcilie zur Welt. Nach dem Besuch der Hechtsheimer Volksschule gingen beide von 1911 bis 1916 bzw. 1914 bis 1919 in die Höhere Mädchenschule Mainz.

Emma heiratete 1923 den Kaufmann Siegmund Weis aus dem heute zu Wiesbaden gehörenden Nordenstadt, Cäcilie fünf Jahre später dessen jüngeren Bruder Max Weis, ebenfalls Kaufmann von Beruf. Die Brüder waren Inhaber eines von ihrem Großvater und Vater übernommenen Großhandels für Getreide, Futtermittel und sonstige Landprodukte, den sie 1917 nach Wiesbaden verlegten. Das Firmenlager befand sich auf dem Gelände des damaligen Wiesbadener Güterbahnhofs. Während Cäcilie und Max kinderlos blieben, wurde Emma und Siegmund 1924 die Tochter Ruth Ingeborg geboren.

Bereits früh in der NS-Zeit begann in Hechtsheim die Drangsalierung von Siegfried Josef und Antonie Selig. Ihre Tochter Emma war bereits im August 1933, also bald nach dem Machtantritt der NS-Herrschaft, mit Mann und Tochter in die Niederlande gezogen, wohin Siegmund und Max Weis geschäftliche Beziehungen unterhielten. Die Familie wohnte damals in Rotterdam. Emmas Eltern stellten im Dezember 1933 den Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses, um sie zu besuchen. Das Kreisamt Mainz, inzwischen unter Nazi-Leitung, lehnte dies ab mit der Begründung, dass inzwischen vier Hechtsheimer Juden, denen kurz zuvor die Fensterscheiben eingeworfen worden waren, „zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen“ worden seien und man könne annehmen, „dass der Jude Selig im Ausland entstellte und dem deutschen Ansehen abträgliche Erzählungen verbreiten“ werde. Zynisch wurde noch hinzugefügt: „Selig wird daher keineswegs wieder in das Ausland reisen, sondern in Hechtsheim Muße haben, etwaige kommunale oder private Schulden abzudecken.“ Zu letzterer Unterstellung gab es allerdings überhaupt keinen Grund. An Auswanderung zu denken, war unter diesen Voraussetzungen aussichtslos. In den Folgejahren wird es Siegfried Josef Selig immer schwerer gefallen sein, seine Produkte zu verkaufen, denn die Geschäfte von Juden wurden allerorts boykottiert und sukzessive verboten.

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus von Siegfried Josef und Antonie Selig durch Nazi-Horden vollständig verwüstet. An ein Bleiben war also nicht zu denken. Die Abmeldung der Eheleute nach Rotterdam Mitte Dezember jenes Jahres wurde behördlicherseits rückgängig gemacht. So blieb den Seligs unter dem Druck der politischen Verhältnisse nur übrig, sich am 22. Dezember 1938 nach Wiesbaden in die Gartenfeldstraße 15 – das Haus gehörte den Brüdern Weis – abzumelden und Hechtsheim zu verlassen.

Von Wiesbaden aus gelang den Seligs im Januar 1939 die Flucht in die Niederlande. Allerdings saßen sie dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Mai 1940 in einer ausweglosen Falle. Ihre letzte bekannte Wohnadresse ist Oosthaven 31, das Zentrale Jüdische Altersheim der Stadt Gouda. Siegfried Josef Selig starb dort am 30. September 1942 mit 74 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gouda beerdigt. Am 9. April 1943, einem Freitagabend und damit dem Beginn des Shabbat, wurden alle Bewohner des jüdischen Altersheims Gouda, unter ihnen Antonie Selig, zum Verlassen des Hauses gezwungen und in das Konzentrations- und Transitlager Westerbork verbracht. Von dort wurde Antonie Selig wenig später, am 23. April 1943, nach Sobibór in den Tod deportiert. Sie war damals 70 Jahre alt.

Während es der Tochter Cäcilie und deren Mann Max 1939 gelang, dem NS-Regime nach Südafrika zu entkommen, konnten die Tochter Emma und die Enkelin Ruth Ingeborg dem gewaltsamen Tod nicht entgehen. Emmas Mann Siegmund Weis war bereits im Februar 1940 in Rotterdam verstorben und wurde dort beerdigt. Im Jahr darauf zog Emma Weis nach Gouda in die Wijdstraat 17, zuletzt wohnte sie dort in der Gouwe 123. Im Zuge der zahlreichen Verhaftungen der in den Niederlanden lebenden Juden wurde auch sie in das Lager Westerbork verbracht. Von hier gibt es eine letzte Postkarte vom 1. Juni 1943, lediglich mit einem herzlichen Dank versehen, nach Gouda. Emma Weis, geb. Selig, trat am 3. September 1943 im Alter von 42 Jahren die Reise in den Tod nach Auschwitz an. Ihre Tochter Ruth Ingeborg war bereits Ende Mai jenes Jahres mit 18 Jahren nach Sobibór deportiert und ermordet worden. 

 

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Clara Weiß

Die Familie Weiß, aus der Clara Weiß stammt, gehörte zu den alteingesessenen, weit verzweigten Hechtsheimer jüdischen Familien. In dem während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geführten Bürger-Register von Hechtsheim findet sich ein früher Hinweis auf den 1767 geborenen Marx Weiß. Er war Handelsmann und verheiratet mit Sara Nathan. Eines ihrer Kinder, der 1802 geborene Sohn Joseph, Handelsmann und später Metzger von Beruf, heiratete die sechs Jahre jüngere Jeanette (Johannette) Beringer aus Bodenheim und wohnte mit ihr in der Heuerstraße – damals noch Heuergasse genannt. Im Laufe von zwei Jahrzehnten erblickten 16 Kinder das Licht der Welt, von denen viele im frühen Kindesalter starben. Die zu Beginn der 1840er Jahre gegründete jüdische Gemeinde in Hechtsheim wählte Joseph Weiß 1843 zu ihrem Vorsteher, er übte dieses Amt 20 Jahre lang aus und starb 1868.

Abraham Weiß, 1838 geborener Sohn der Eheleute, wurde Viehhändler und heiratete die 1841 in Waldhilbersheim (heute Guldental/Verbandsgemeinde Langenlonsheim) geborene Elisabetha (Elise) Simon. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Abraham Weiß verstarb 1917, seine Frau 1933. Beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Hechtsheim, ebenso ihr 1933 verstorbener Sohn Moritz Maximilian. Auch Abraham Weiß hatte sich in den 1870er Jahren im Vorstand der jüdischen Gemeinde engagiert.

Abraham und Elise Weiß‘ drittes Kind und zugleich die älteste Tochter war die am 31. Oktober 1872 geborene Clara. Die Eltern wohnten in der Bachgasse 1 (heute Bachstraße), dem Stammhaus der Familie Weiß. Clara war eine ältere Schwester von Julius Weiß (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für Julius und Elisabeth Weiß). Über Claras Leben ist wenig bekannt. Da sie unverheiratet blieb, wird sie in Haushalt und Geschäft der Familie mitgearbeitet und wahrscheinlich auch Sorge für die jüngeren Geschwister getragen haben.  Wie Claras zehn Jahre jüngere Schwester Hermine Schwartz, die mit ihrem Mann in die USA emigrieren konnte, nach dem Krieg bekundet hat, pflegte Clara Weiß nicht nur viele Jahre aufopferungsvoll ihre Mutter, die im Oktober 1933 mit 92 Jahren hochbetagt starb, sondern auch ihren erkrankten jüngeren Bruder Moritz Maximilian, dessen Leben einen Monat zuvor, im September 1933, im Mainzer Städtischen Krankenhaus mit 55 Jahren endete.

Clara blieb danach allein im von der Mutter geerbten Haus. Aus Verwurzelung mit der Heimat, so ihre Schwester Hermine später, konnte sie sich nicht entschließen, auszuwandern. Als ältere, alleinstehende Frau dürfte sie zahlreichen Demütigungen und Schikanen durch die örtlichen Nazis ausgesetzt gewesen sein, die ihr schwer zu schaffen machten. Im Dezember 1937, unter dem zunehmenden Terror, meldete sie sich in Hechtsheim ab und zog nach Mainz in das jüdische Altersheim in der Gonsenheimer Straße 11-13. Das Haus in der Bachgasse 1 musste sie 1938 verkaufen.

Zusammen mit den anderen Bewohnern des Altersheims, einem zu jenem Zeitpunkt aufgrund der Einweisungen durch die NS-Machthaber völlig überbelegten Haus, wurde Clara Weiß am 27. September 1942 über Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Auf der Deportationsliste mit 1.288 zumeist älteren und kranken Menschen aus dem Gebiet des vormaligen Volksstaates Hessen trug sie (hier mit der Vornamensschreibung „Klara“) die Nr. 815. Am 4. Februar 1943 starb Clara Weiß im Alter von 70 Jahren an den elenden Bedingungen und dem Hunger des Theresienstädter Ghettos.

 

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Emma Weiß, geb. Sußmann

Emma Weiß wurde am 20. November 1887 als Tochter des Kaufmanns Samuel Sußmann und seiner Frau Elisabetha, geb. Selig – einer Hechtsheimerin, älteste Tochter des Hechtsheimer Fruchthändlers Ludwig Selig und seiner Frau Esther, geb. Sondheimer –  in Alsbach an der Bergstraße geboren. Dort heiratete sie im Oktober 1910 Emil (genannt Eduard) Weiß, der aus der weit verzweigten Hechtsheimer Familie Weiß stammte und am 18. September 1882 geboren worden war. Das Ehepaar wohnte im eigenen Haus in der Heuerstraße 7. Von 1914 bis 1918 nahm Eduard Weiß am Ersten Weltkrieg teil.

Seine Eltern waren der 1845 in Hechtsheim geborene Metzgermeister Leopold Weiß und seine Frau Babette, geborene Neuberger, die aus Bensheim an der Bergstraße stammte. Babette Weiß starb 1917, ihr Mann Leopold 1927. Beide ruhen auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof. Leopold Weiß wiederum war ein jüngerer Bruder von Abraham Weiß,  Sohn von Joseph Weiß und Enkel von Marx Weiß, die im Erinnerungsblatt von Julius und Elisabeth Weiß genannt sind.

Eduard Weiß wurde Metzger wie sein Vater, war jedoch ab Ende der 1920er Jahre als Makler tätig. Zum 50jährigen Bestehen des Hechtsheimer Männerquartetts 1929 inserierte er in dessen Festschrift: „Kommissionsgeschäft, Vermittlung von Immobilien, Landesprodukte und Futtermittel“. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er vier Söhne: Otto, Ludwig (später Louis), Arthur und Heinz (später Harry), geboren zwischen 1911 und 1921. Die Kinder besuchten die Hechtsheimer Volksschule und machten anschließend eine Ausbildung. Otto wurde kaufmännischer Lehrling im Lederwarengeschäft Gebrüder Marxsohn in der Mainzer Emmeransstraße, arbeitete nach 1933 im väterlichen Geschäft und konnte 1935, noch vor dem Tod seines Vaters, nach Südafrika auswandern. Seine Brüder Ludwig und Arthur emigrierten ebenfalls nach Südafrika.

Heinz, der jüngste Sohn, ging ab 1935 zur jüdischen Bezirksschule in Mainz und erlernte das Polsterer- und Tapeziererhandwerk in der Firma Ludwig Weiß in der Großen Bleiche – eine Genehmigung für diese Ausbildung hatte ihm der NS-Staat bereits verwehrt. 1938 zog er nach Karlsruhe, wo er im Oktober 1940 in die Verhaftungswelle der Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland geriet und in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert wurde. Er überlebte mehrere Lager in Frankreich sowie die Zwangsarbeit für die Wehrmacht in den Festungen an der französischen Küste und gelangte schließlich in die USA. Gemeinsam mit seinem Bruder Otto besuchte er die Begegnungswoche Mainzer Juden im Jahr 1993.

Der Vater Eduard Weiß, seit 1930 zweiter Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, starb am 3. Dezember 1935 im Alter von 53 Jahren und wurde auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof bestattet. Seine Beerdigung war die vorletzte, die auf diesem Friedhof stattfand. Nichtjüdische Teilnehmer, die ihm in alter Verbundenheit die letzte Ehre erwiesen, wurden vom Ortsgruppenleiter der NSDAP und zugleich Bürgermeister „strengstens verwarnt“.

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus von Emma Weiß, die inzwischen allein in Hechtsheim lebte, von einer Nazi-Horde heimgesucht und weitgehend zerstört. In ihrer Not suchte sie Anfang Januar 1939 in ihrem Geburtsort Alsbach Schutz, wo noch ihre Mutter und weitere Verwandte wohnten. Von ihrem letzten Wohnsitz, der Heinrichstraße 3 in Darmstadt, einem der Darmstädter „Judenhäuser“, wurde sie am 30. September 1942 im Alter von 54 Jahren deportiert und kurz darauf, vermutlich in Treblinka, ermordet.

Auf der erhalten gebliebenen Liste der Gestapo Darmstadt mit 883 Namen der Opfer aus dem früheren Volksstaat Hessen – Emma Weiß ist hier unter der Nr. 874 genannt – steht in zynischer Verschleierung „Wohnsitzverlegung nach dem Generalgouvernement“. In diesem Transport fuhren auch David Kapp sowie die Eheleute Weiß in den Tod.

 

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Julius und Elisabeth Weiß, geb. Michel

Die Familie Weiß, aus der Julius Weiß stammt, gehörte zu den alteingesessenen, weit verzweigten Hechtsheimer jüdischen Familien. In dem während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geführten Bürger-Register von Hechtsheim findet sich ein früher Hinweis auf den 1767 geborenen Marx Weiß. Er war Handelsmann und verheiratet mit Sara Nathan. Eines ihrer Kinder, der 1802 geborene Sohn Joseph, Handelsmann und später Metzger von Beruf, heiratete die sechs Jahre jüngere Jeanette (Johannette) Beringer aus Bodenheim und wohnte mit ihr in der Heuerstraße – damals noch Heuergasse genannt. Im Laufe von zwei Jahrzehnten erblickten 16 Kinder das Licht der Welt, von denen viele im frühen Kindesalter starben. Die zu Beginn der 1840er Jahre gegründete jüdische Gemeinde in Hechtsheim wählte Joseph Weiß 1843 zu ihrem Vorsteher, er übte dieses Amt 20 Jahre lang aus und starb 1868.

Abraham Weiß, 1838 geborener Sohn der Eheleute, wurde Viehhändler und heiratete die 1841 in Waldhilbersheim (heute Guldental/Verbandsgemeinde Langenlonsheim) geborene Elisabetha (Elise) Simon. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Abraham Weiß verstarb 1917, seine Frau 1933. Beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Hechtsheim, ebenso ihr 1933 verstorbener Sohn Moritz Maximilian. Auch Abraham Weiß hatte sich in den 1870er Jahren im Vorstand der jüdischen Gemeinde engagiert.

Abraham und Elise Weiß’ jüngster Sohn Julius, geboren am 1. April 1880, trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Viehhändler. 1906 heiratete er die am 25. Dezember 1883 geborene Hechtsheimerin Elisabeth Michel. Deren Vater Levi Michel stammte aus Sörgenloch, die Mutter Zerline (Caroline), geborene Lorch, aus Dieburg. Levi Michel war Metzger, betrieb eine Milchhandlung in Mainz und war seit 1867 in Hechtsheim ansässig. Beider Gräber finden sich ebenfalls auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof.

Julius und Elisabeth Weiß wohnten im eigenen Haus in der Borngasse 1 (heute: Am oberen Born 1). Das Haus bot mit Erdgeschoss und zwei weiteren Stockwerken ausreichend Platz für eine siebenköpfige Familie und war gut eingerichtet. Der Viehhandel mit einem Verkauf von 600–700 Stück Großvieh pro Jahr war ein durchaus ertragreiches Geschäft, darüber hinaus inserierte Julius Weiß im „Hechtsheimer Anzeiger“ gelegentlich den Verkauf von Milchprodukten, etwa zu den Osterfeiertagen oder zum „weißen Sonntag“. Seine Frau Elisabeth führte in der Mainzer Neubrunnenstraße 12 die von ihrem Vater übernommene Milchhandlung. Julius Weiß war im Geselligkeits- und Theaterverein „Club Einigkeit 1908“ aktiv, gehörte nach seiner Wahl zum Vorsteher der jüdischen Gemeinde im Jahr 1929 zu den dörflichen Honoratioren – man nannte ihn auch den „israelitischen Bürgermeister“.

Julius und Elisabeth Weiß hatten fünf Kinder: die Söhne Josef, Eugen, Emil und die Tochter Cäcilie (Cilly), zwischen 1906 und 1910 geboren, sowie den jüngsten, erst 1921 geborenen Sohn Arnold. Die Eltern ermöglichten den älteren nach dem Besuch der ersten Volksschuljahre in Hechtsheim den Wechsel auf weiterführende Schulen in Mainz. Eugen – vermutlich auch seine Brüder Josef und Emil – besuchte das Mainzer Realgymnasium, absolvierte danach eine kaufmännische Ausbildung in der Eisenwarenhandlung Kahn & Metzger in der Heiliggrabgasse und blieb dort viele Jahre tätig. Er war aktiv im Hechtsheimer Männergesangverein, als dieser sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder neu formierte. 1935 heiratete er Sofie Alice Löb aus Obermoschel/Pfalz und zog dorthin. Im September 1938 gelang ihm mit seiner Frau die Auswanderung in die USA. Mit ihr und seinen Kindern nahm er 1991 an der ersten Begegnungswoche Mainzer Juden teil und blieb Hechtsheim über viele Jahre verbunden.

Der jüngere Brüder Emil war bereits 1931, wahrscheinlich im Rahmen der Hachscharah, nach Palästina ausgewandert und arbeitete dort in einem Kibbuz. Auch der älteste Bruder Josef wanderte in die USA aus, kam aber nach 1945 nach Deutschland zurück und wurde als Pferde- und Viehhändler in Recklinghausen ansässig. Cilly, die einzige Tochter, hatte nach der Hechtsheimer Volksschule die von der Israelitischen Religionsgesellschaft, der strenggläubigen Gruppierung unter dem Dach der jüdischen Gemeinde in Mainz betriebene Bondischule besucht, so benannt nach dem orthodoxen Rabbiner Dr. Jonas Markus Bondi, dem langjährigen Leiter der Schule. Von 1921 bis 1926 war sie Schülerin der Mainzer Höheren Mädchenschule – heute Frauenlob-Gymnasium. Sie folgte ihrem Bruder 1936 nach Palästina und lebte dort verheiratet als Cilly Keins.

Der jüngste Bruder Arnold hatte seine gesamte Schulzeit bis 1935 in der Hechtsheimer Volksschule verbracht und dort alle Ausgrenzungen erlitten, denen jüdische Kinder damals ausgesetzt waren. Anschließend ging er zur kaufmännischen Ausbildung in die Firma Abt & Kahn-Hut, eine Großhandlung für Sattler- und Polsterbedarf in Mainz, und besuchte die Berufsschulklasse der jüdischen Bezirksschule. Mit Unterstützung einer Tante väterlicherseits, die schon länger in den USA lebte, gelang ihm Ende Januar 1939 endlich die Ausreise dorthin. 1945 kam er als amerikanischer Soldat erstmals wieder in seine Heimatgemeinde zurück. In den Vereinigten Staaten heiratete er die aus Bensheim-Auerbach stammende Ruth Marchand-Hahn, mit der er 1991 zur ersten Begegnungswoche Mainzer Juden kam. Wie sein Bruder Eugen blieb auch er Hechtsheim über viele Jahre verbunden.

Julius Weiß blieb als Vorsteher der Hechtsheimer jüdischen Gemeinde in seinem Amt bis zu deren zwangsweiser Auflösung. Schon 1934 hatte er sich, vielleicht zur Vorbereitung der Auswanderung, um die Ausstellung eines Reisepasses bemüht, der ihm jedoch verweigert wurde. Die mit Beginn der NS-Herrschaft einsetzende Ausgrenzung und das Verbot von Geschäften mit jüdischen Viehhändlern machten seine wirtschaftliche Existenz zunehmend zunichte. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus der Familie Weiß weitgehend zertrümmert, sodass an einen weiteren Verbleib in Hechtsheim nicht zu denken war. Der Sohn Arnold war der Inhaftierung in Buchenwald nur entgangen, weil er sich im Mainzer jüdischen Krankenhaus versteckte.

Am 18. November 1938, wenige Tage nach dem Wüten der Nazi-Horde in ihrem Heim,  flohen Julius und Elisabeth Weiß nach Mainz. Sie wohnten zunächst in der Mittleren Bleiche 19, wohin Elisabeth Weiß das zunehmend schlechter laufende Milchgeschäft verlegt hatte. Nach dem Pogrom zog ein SA-Posten vor dem Geschäft auf, um nichtjüdische Kunden am Betreten zu hindern. Schließlich wurde den Eheleuten Weiß die Schließung befohlen mit dem gehässigen Hinweis, es stehe ihnen ja frei, ihre „jüdische Kundschaft durch Austragen der Milch“ zu bedienen. Angesichts der Größe der Stadt war dies nahezu unmöglich.

In Vorbereitung der geplanten Deportationen und der Einrichtung von „Judenhäusern“ mussten die Eheleute Weiß in ein Zimmer der Klarastraße 13 umziehen, ein Haus, das der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gehörte, und waren zuständig für die hier unter kärglichen Bedingungen betriebene Gemeindespeise- und Kaffeestube. Von dort wurden sie am 30. September 1942 über Darmstadt nach Polen deportiert und kurz darauf, vermutlich in Treblinka, ermordet. Julius und Elisabeth Weiß, 62 und 59 Jahre alt, trugen die Nummern 779 und 780 der Deportationsliste.

Auf dieser erhalten gebliebenen Liste der Gestapo Darmstadt mit 883 Namen der Opfer aus dem Gebiet des früheren Volksstaates Hessen steht zynisch „Wohnsitzverlegung nach dem Generalgouvernement“. Es war dies der gleiche Transport, mit dem auch die Hechtsheimer David Kapp, das Ehepaar Max und Recha Weiß mit ihrer Tochter Ilse sowie Emma Weiß, Witwe des 1935 verstorbenen Eduard Weiß, in den Tod geschickt wurden.

 

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Erinnerung an weitere Opfer

Ergänzende Informationen zu den in der ehemals selbständigen Gemeinde Hechtsheim geborenen jüdischen Opfern des NS-Regimes, die bereits vor 1933 aus Hechtsheim verzogen waren und von ihren späteren Wohnorten aus deportiert wurden:

Über die mit einem Stolperstein gewürdigten Hechtsheimer jüdischen Bürgerinnen und Bürger hinaus, die den Ort zwangsweise unter dem zunehmenden Terror der NS-Herrschaft verlassen mussten, weil die Demütigung, die Schikanen und die Bedrohung unerträglich wurden bzw. ihre Häuser nach der Verwüstung durch Nazi-Horden während der Pogromnacht des 9./10. November 1938 nicht mehr bewohnbar waren, möchte der Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte auch an jene jüdischen Opfer erinnern, die – geboren in Hechtsheim – aus anderen Orten deportiert und ermordet wurden. Dieser Erinnerung dienen die folgenden Informationen.

Viele Mitglieder der hiesigen jüdischen Familien waren bereits aus der Gemeinde verzogen, noch bevor das NS-Regime seine Herrschaft auch über Hechtsheim ausbreitete. Berufliche Veränderungen, Ausbildung, Heirat und vieles mehr gaben den Ausschlag, die damals noch kleine Gemeinde Hechtsheim schon vorher zu verlassen. Nicht in allen Fällen lassen sich die Gründe heute noch feststellen. Diese ergänzenden Informationen erheben daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist zudem davon auszugehen, dass die Zahl der gebürtigen Hechtsheimer, die an ihren späteren Wohnorten Opfer der rassistischen Ideologie des NS-Regimes wurden, höher ist als hier genannt. Genaueres muss weiteren Nachforschungen vorbehalten bleiben.

 


Opfer aus der Hechtsheimer Familie Kapp

Ludwig und Johanna Kapp, geb. Homburger:

Ludwig Kapp war 1892 als jüngster Sohn der Eheleute Bernhard und Emma Kapp, geb. Reichert, in Hechtsheim geboren worden. Die Eltern starben 1921 bzw. 1916 und ruhen auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof. Von Beruf war Ludwig Kapp Viehhändler. Mit seiner Frau, der 1896 in Karlsruhe geborenen Johanna Homburger, wohnte er im eigenen Haus in der Klauerstraße 10. Das Ehepaar hatte drei Töchter: die 1923 geborene Ellen und die 1928 geborenen Zwillingsschwestern Ruth und Inge. Alle drei konnten während der NS-Zeit in den USA und der Schweiz in Sicherheit gebracht werden. Ruth Neumann-Kapp und Inge Sohar, geb. Kapp kamen 1998 aus Kanada und Israel zur Begegnungswoche Mainzer Juden. Als Kinder hatten sie die jüdische Bezirksschule in Mainz besucht, weil ein Schulbesuch für sie in einer staatlichen Schule nicht mehr möglich war. In der wirtschaftlich schweren Zeit hatte Ludwig Kapp 1930 sein Geschäft in Hechtsheim aufgegeben und war mit seiner Familie nach Mainz in die Sömmerringstraße 41 gezogen. Den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente er fortan als Reisender. 1937, bereits unter den immensen Ausgrenzungen durch das NS-Regime, zog die Familie in die von den Nationalsozialisten umbenannte Horst-Wessel-Straße 2 (zuvor: Forsterstraße) um, ein Haus der jüdischen Gemeinde, in dem Ludwig Kapp als Hausmeister arbeitete. Ludwig und Johanna Kapp gelang die Auswanderung nicht. Am 30. September 1942 wurden sie von Mainz über Darmstadt deportiert und kurz danach, vermutlich in Treblinka, ermordet. Ludwig und Johanna Kapp waren 50 bzw. 46 Jahre alt.

Hetty Strauß, geb. Kapp:

Hetty Kapp kam im Januar 1900 als Tochter des 1863 in Hechtsheim geborenen Vieh- und Milchhändlers Leo Kapp und seiner Frau Nannette, geb. Dreifuß (geboren 1873 im badischen Königsbach), zur Welt. Die Familie wohnte am Froschmarkt 5 im eigenen Haus. Leo Kapp starb im September 1934 im jüdischen Krankenhaus in Mainz und wurde auf dem Hechtsheimer israelitischen Friedhof beerdigt. Seine Witwe Nannette zog im August 1935 nach Augsburg, wo ihre Töchter Hetty und Sitta zu jener Zeit bereits wohnten. Im März 1921 hatte Hetty Kapp in ihrer Heimatgemeinde den aus Binswangen/Bayern stammenden Viehhändler Berthold Strauß geheiratet und war dorthin gezogen. Aus der Ehe ging der 1925 geborene Sohn Max hervor. Die Familie wohnte damals in Binswangen im Haus Nr. 151. Wann die Familie Strauß sich in Augsburg niederließ, ist aufgrund verloren gegangener Meldeunterlagen nicht mehr feststellbar. Bekannt ist, dass die Ehe von Hetty und Berthold Strauß im August 1935 geschieden wurde. Wahrscheinlich zog Nannette Kapp zu diesem Zeitpunkt nach Augsburg, um ihre Tochter zu unterstützen. Die letzte bekannte Adresse von Hetty Strauß ist die Augsburger Bahnhofstraße 7. Von dort wurde sie am 3./4. April 1942 gemeinsam mit ihrem damals 16jährigen Sohn Max über München in das polnische Ghetto Piaski deportiert und bald danach ermordet wurde. Hetty Strauß war zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes 42 Jahre alt. Berthold Strauß überlebte die NS-Zeit unter nicht bekannten Umständen und starb 1966 in Augsburg.

Sitta Kapp:

Sitta Kapp – auch Sitty genannt – wurde 1895 ebenfalls als Tochter der Eheleute Leo und Nannette Kapp, geb. Dreifuß, in Hechtsheim geboren. Sie war die ältere Schwester von Hetty Strauß und blieb unverheiratet. Von Beruf war sie Schneiderin. Im Juli 1928 meldete sie sich von Hechtsheim nach Augsburg ab, vielleicht wohnte ihre Schwester Hetty damals schon dort. Auch Sitta Kapp wohnte dort eine Zeitlang in der Bahnhofstraße 7, zuletzt in der Maximilianstraße 17. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hetty wurde sie am 3./4. April 1942 über München in das polnische Ghetto Piaski deportiert und dort wenig später ermordet. Sitta Kapp war damals 46 Jahre alt. Mit den beiden Töchtern Hetty und Sitta sowie dem Enkel Max nach Piaski deportiert und ermordet wurde auch ihre 69 Jahre alte Mutter bzw. Großmutter Nannette Kapp.

Johannette Mayer, geb. Kapp:

Johannette (Johanna) Kapp wurde 1880 in Hechtsheim geboren und war die Schwester von David Kapp (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für ihn). 1906 hatte sie in Hechtsheim den 1873 geborenen Metzgermeister Hugo Mayer aus Ober-Ingelheim geheiratet, der dort in der Heimesgasse 14 eine „Viehhandlung, Metzgerei und Wurstlerei mit elektrischem Betrieb“ führte. Bekannt war er für seine guten Rindswürste. 1907 und 1908 wurden die Töchter Katharina und Ella geboren, die nach Großbritannien emigrieren konnten. Hugo Mayer starb bereits 1914. Mit Hilfe verschiedener Metzger hielt seine Frau das Geschäft aufrecht. Am 20. September 1942 wurde Johannette Mayer, geb. Kapp, in einer Gruppe der letzten 17 Ingelheimer Juden nach Mainz abtransportiert, von hier am 30. September 1942 über Darmstadt deportiert und, vermutlich in Treblinka, kurz darauf ermordet. Zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes war sie 61 Jahre alt. Ihre Töchter Katharina (Kate) und Ella haben im „Aufbau“, dem Nachrichtenblatt der deutschen Juden in den USA und darüber hinaus, 1946 ihrer gedacht mit den Worten: „Wir haben die Gewissheit von dem Verluste unserer lieben Mutter, Frau Johanna Mayer, geb. Kapp (fr. Oberingelheim, Rhein) im September 1942“.

Irma Kahn, geb. Kapp:

Irma Kapp kam 1886 als Tochter von Albert Kapp und seiner Frau Johannette (Jeanette), geb. Joseph, in Hechtsheim zur Welt. Albert Kapp war Handelsmann und wohnte mit seiner Familie im eigenen Haus in der Mainzer Straße 47 (heute: Alte Mainzer Straße). Albert und Johannette Kapp starben 1926 bzw. 1931 und ruhen auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof. Im Jahr 1911 heiratete Irma in ihrer Heimatgemeinde den 1877 geborenen Hugo Kahn aus der rechtsrheinischen Gemeinde Bischofsheim, die 1930 Vorort von Mainz wurde. Hugo Kahn war Mitinhaber der dort angesiedelten Manufakturwarenhandlung Kahn, Wolf & Karl in der Frankfurter Straße 48 und wohnte mit seiner Frau Irma in der Bischofsheimer Gartenstraße 1. Über Kinder des Ehepaares ist bisher nichts bekannt. Beide wohnten zum Schluss in dem zum „Judenhaus“ deklarierten Haus in der Hochheimer Straße 14 in Bischofsheim. Von dort wurden sie am 27. September 1942 über Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Auf der erhalten gebliebenen Deportationsliste mit der zynischen Überschrift „Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt“ trugen sie die Nummern 554 und 555. Hugo Kahn starb an den unsäglichen Verhältnissen in Theresienstadt im Februar 1944 mit 66 Jahren, seine Frau Irma, geb. Kapp, wurde von dort im Mai 1944 nach Auschwitz weiter deportiert und starb im Alter von 57 Jahren in der Gaskammer.

 

Opfer aus der Hechtsheimer Familie Levy

Emma Hirsch, geb. Levy:

Emma Levy, 1899 in Hechtsheim geboren, war eines von sechs Kindern der Eheleute Herz und Elisabetha Levy. Drei der Kinder starben im ersten Lebensjahr. Der Metzgermeister Herz Levy, geboren 1866 in Katzenfurt (heute Teil der Gemeinde Ehringshausen im hessischen Lahn-Dill-Kreis), war nach seiner Heirat im Jahr 1892 mit der Hechtsheimerin Elisabetha Selig (geboren 1867, gestorben 1940 in Mainz) hier ansässig geworden und führte in seinem Haus in der Mainzer Straße 25 (heute: Alte Mainzer Straße) eine Metzgerei. Emma Levy besuchte die Hechtsheimer Volksschule und arbeitete anschließend im elterlichen Geschäft. Der Vater starb 1919 bei einem Besuch in den USA. 1920 heiratete Emma in Hechtsheim den Kaufmann Salomon Hirsch und zog mit ihm nach Alzey. Von dort wurde sie mit ihrem Mann sowie den beiden 1921 und 1922 geborenen Kindern Gerhard und Lucie in den letzten Septembertagen des Jahres 1942 mit weiteren Alzeyer Opfern nach Mainz in die Sammelstelle in der Mainzer Goetheschule gebracht, am 30. September jenes Jahres über Darmstadt deportiert und, vermutlich in Treblinka, kurz darauf ermordet. Emma Hirsch war damals 43 Jahre alt. Zur Erinnerung an sie, ihren Mann und ihre Kinder wurden in Alzey Stolpersteine verlegt.

 

Opfer aus der Hechtsheimer Familie Muhr

Bina Marx, geb. Muhr:

Bina Muhr wurde 1878 als älteste Tochter des Ehepaares David und Margaretha (Grete) Muhr, geb. Weiß, in Hechtsheim geboren. David Muhr, Religionslehrer der Hechtsheimer jüdischen Gemeinde, war 1851 in Reichelsheim/Odenwald geboren worden und verheiratet mit der Hechtsheimerin Grete Weiß, Tochter der Eheleute Isaak und Anna Weiß, geb. Wolf. David Muhr starb 1902, seine Frau Grete 1921, beide sind auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof beerdigt. Bina heiratete 1906 den Metzgermeister Julius Marx, 1873 im heute zu Wiesbaden gehörenden Sonnenberg geboren, und zog mit ihm dorthin. Die Ehe blieb kinderlos. Julius Marx betrieb in der Sonnenberger Langgasse 4 eine Metzgerei, die ab 1920 mit seinem Bruder Moritz als „Fa. Gebrüder Marx, Metzgerei und Viehhandel“ firmierte. Während der NS-Zeit wird die Firma, wie dies allen Firmen mit jüdischen Inhabern geschah, boykottiert und aus dem örtlichen Wirtschaftsleben verdrängt worden sein. Daher gab Julius Marx, inzwischen 61 Jahre alt, sein Geschäft 1934 auf und zog mit seiner Fran nach Wiesbaden in die Klopstockstraße 1. Von dort wurde das Ehepaar am 1. September 1942 über Frankfurt am Main nach Theresienstadt deportiert, wo Julius Marx im März 1943 im Alter von 69 Jahren starb. Bina Marx, geb. Muhr wurde von Theresienstadt am 15. Mai 1944 weiter nach Auschwitz in den Tod deportiert. Sie war damals 66 Jahre alt. Für Bina und Julius Marx wurden vor dem Haus Klopstockstr. 1 in Wiesbaden Stolpersteine verlegt.

Lili Loeb, geb. Muhr:

Lili Muhr erblickte 1888 als Tochter von David und Margaretha (Grete) Muhr, geb. Weiß, in Hechtsheim das Licht der Welt. Sie war Binas zehn Jahre jüngere Schwester. Nach ersten Schuljahren in der Hechtsheimer Volksschule besuchte sie von 1899 bis 1902 die Höhere Mädchenschule in Mainz. 1911 heiratete sie den in Haßloch/Pfalz ansässigen Kaufmann Leo Loeb, 1881 geboren, und zog dorthin. Die Loebs hatten ein Konfektionswarengeschäft in der Haßlocher Langgasse 96. Im Jahr 1912 erblickte ihr einziger Sohn Werner das Licht der Welt. Leo Loeb, der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, wurde 1920 als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei in den Gemeinderat gewählt und war von 1930 bis zur NS-Zeit dritter Bürgermeister von Haßloch. In der Pogromnacht des November 1938 wurde das Loebsche Geschäft in Haßloch demoliert und geplündert, Leo und Lili Loeb entschlossen sich daher zur Flucht nach Frankreich, wohin ihr Sohn Werner bereits 1934 emigriert war. Doch nach dem Einmarsch der Wehrmacht in das Land waren sie dort angesichts des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes nicht mehr sicher. Am 9. Februar 1943 wurden Leo und Lili Loeb, geb. Muhr, über das Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert und kurz darauf im Alter von 61 und 55 Jahren ermordet. Nach Leo Loeb wurde 1986 in Haßloch eine Straße benannt. Der Sohn Werner überlebte in Frankreich. Auf seine Veranlassung wurde am Hechtsheimer Grab seiner Großeltern eine Erinnerung an deren Töchter und Schwiegersöhne angebracht.

 

Opfer aus der Hechtsheimer Familie Selig

Justina Kramer, geb. Selig:

Justina Selig kam 1869 als eines von sechs Kindern des 1834 geborenen Hechtsheimer Fruchthändlers Ludwig Selig und seiner ersten Frau Esther, geb. Sondheimer, zur Welt. Die Mutter starb 1873, als Justina noch nicht zur Schule ging. 1896, zehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters, heiratete sie – auch Jenny genannt – in ihrer Heimatgemeinde den gebürtigen Schwabenheimer Kaufmann Albert Kramer, der in Nieder-Olm wohnte und in der Pariser Straße 105 ein Manufakturwarengeschäft hatte. Justinas jüngere, 1877 geborene Schwester Emilie (Milly), Tochter aus Ludwig Seligs zweiter Ehe mit Emma, geb. Mayer, heiratete drei Jahre später übrigens Albert Kramers Bruder Marx. Während Emilie schon 1931 in Nieder-Olm starb und dort auf dem jüdischen Friedhof ruht, konnten Marx Kramer und die Kinder später von Wiesbaden aus in die USA fliehen. Aus der Ehe von Justina und Albert Kramer ging die 1897 geborene Tochter Erna hervor, die mit ihrem Mann Otto Stein im Mai 1938 in die USA fliehen konnte. Als in der Pogromnacht des November 1938 das Geschäft der Kramers in Nieder-Olm demoliert worden war, flohen sie kurz danach nach Wiesbaden zu Justinas Bruder Otto Simon Selig, der dort in der Oranienstraße 60 wohnte und eine Mehlgroßhandlung hatte. Die Großstadt Wiesbaden bot allerdings nur eine Sicherheit auf Zeit. Justina Kramer, geb. Selig und ihr Mann Albert wurden am 1. September 1942 von Wiesbaden über Frankfurt am Main nach Theresienstadt deportiert. Bereits drei Monate später starb Albert Kramer dort im Alter von 76 Jahren aufgrund der unsäglichen Bedingungen, seine Frau Justina ging kurz darauf im Januar 1943 mit 73 Jahren am Hunger und Elend des Ghettos zugrunde. Für beide wurden im November 2012 in Nieder-Olm vor dem Haus Pariser Straße 105 Stolpersteine verlegt.

Elisabetha Sußmann, geb. Selig:

Elisabetha Selig, 1864 in Hechtsheim geboren, war das erstgeborene Kind der Eheleute Ludwig und Esther Selig, geb. Sondheimer, und somit die ältere Schwester von Justina Selig. Im August 1886 heiratete sie in ihrer Heimatgemeinde den 1857 in Alsbach an der Bergstraße geborenen Handelsmann Samuel Sußmann und zog mit ihm dorthin. Über Leben und Familie der Sußmanns ist bisher nicht viel bekannt. Ihre Tochter Emma allerdings, 1887 in Alsbach zur Welt gekommen, heiratete 1910 wieder nach Hechtsheim, und zwar Eduard Weiß, der 1935 starb. Emma Weiß musste Hechtsheim nach der Pogromnacht verlassen und wurde am 30. September 1942 deportiert (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für sie). Das gleiche Schicksal ereilte auch ihre Mutter Elisabetha Sußmann, geb. Selig. Wahrscheinlich hatte sie vor dem Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande im Mai 1940 versucht, sich hier in Sicherheit zu bringen. Für Mai 1942 ist ihre Anschrift im südholländischen Gorinchem, Varkenmarkt 2 überliefert. Wie viele deutsche Flüchtlinge wurde sie danach im Sammellager Westerbork inhaftiert und von dort am 10. März 1943 in das Vernichtungslager Sobibór deportiert und ermordet. Zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes war sie fast 79 Jahre alt. In diesem Transport war auch ihre 1899 in Alsbach geborene Tochter Johanna.

Otto Simon Selig:

Otto Simon Selig, 1878 in Hechtsheim geboren, war ein jüngerer Brüder von Justina und Elisabetha Selig. Er entstammte der zweiten Ehe seines Vaters Ludwig Selig mit Emma Mayer. Otto wurde Kaufmann und wohnte Anfang der 1920er auf dem Kaiser-Friedrich-Ring 80 in Wiesbaden. Hier wohnte, nachdem sein Vater Ludwig Selig bereits 1886 in Hechtsheim verstorben war, auch seine Mutter Emma. Sie starb 1922 in Wiesbaden. Otto Selig blieb unverheiratet und betrieb mit seinem Bruder Lucian bis zu dessen Auswanderung eine Mehlgroßhandlung, zuletzt in der Oranienstraße 60. Von Wiesbaden aus wurde er am 11. Juni 1942 über Frankfurt am Main in einem Transport von 1.253 jüdischen Menschen, unter ihnen 371 aus der Stadt Wiesbaden, in das unter der NS-Herrschaft stehende polnische „Generalgouvernement“ deportiert und in Majdanek oder Sobibór ermordet. Otto Simon Selig war damals 63 Jahre alt.

Emma Weis, geb. Selig:

Emma Selig wurde am 12. Juli 1901 als ältere von zwei Töchtern der Eheleute Siegfried Josef und Antonie Selig, geb. Kahn, in Hechtsheim geboren (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für ihre Eltern). Die Familie wohnte in der Breite Straße 2 (heute Bürgermeister-Keim-Straße), wo der Vater einen Futtermittel- und Landhandel betrieb. Emma ging zunächst in die Hechtsheimer Volksschule und besuchte von 1911 bis 1916 die Höhere Mädchenschule Mainz – heute Frauenlob-Gymnasium. Im Januar 1923 heiratete sie in ihrer Heimatgemeinde Siegmund Weis, 1890 in dem heute zu Wiesbaden gehörenden Nordenstadt geboren. Gemeinsam mit seinem Bruder Max, der 1928 Emmas Schwester Cäcilie heiratete, betrieb Siegmund Weis in Wiesbaden die Firma S. Weis & Co., die Futter- und Düngemittel, Sämereien, Kartoffeln und andere Landprodukte anbot.  Das einzige Kind von Emma und Siegmund Weis, die Tochter Ruth Ingeborg, wurde am 3. Juli 1924 in Wiesbaden geboren. Die Familie wohnte dort einige Jahre auf dem Kaiser-Friedrich-Ring 86, wo sich auch die Geschäftsstelle der Firma befand, und wechselte zu Beginn der 1930er Jahre in das Haus Gartenfeldstraße 15, das den Brüdern Weis gehörte. Im August 1933 – wenige Monate nach Beginn der NS-Herrschaft – zogen Emma und Siegmund Weis mit ihrer Tochter nach Rotterdam. In die Niederlande bestanden geschäftliche Kontakte der Firma Weis. Wahrscheinlich war der Boykott jüdischer Geschäfte durch das NS-Regime im April jenes Jahres ein Warnsignal gewesen, außerhalb Deutschlands nach beruflicher Sicherheit suchen zu müssen. Siegmund Weis starb, noch bevor die deutsche Armee im Mai 1940 die Niederlande besetzte, mit 49 Jahren und wurde am 12. Februar 1940 in Rotterdam beerdigt. Emma Weis zog im Jahr darauf nach Gouda in die Wijdstraat 17 und wohnte zuletzt in der Gouwe 123. Verhaftungen infolge von Razzien auf Juden in den Niederlanden führten dazu, dass sie in das Lager Westerbork überstellt wurde. Von hier gibt es eine letzte Postkarte von 1. Juni 1943, lediglich mit einem herzlichen Dank versehen, nach Gouda. Der Absendeort: Westerbork, Baracke 552. Von dort wurde Emma Weis, geb. Selig, am 3. September 1943 im Alter von 42 Jahren nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Tochter Ruth Ingeborg hatte bereits am 25. Mai jenes Jahres mit 18 Jahren die Reise in den Tod nach Sobibór antreten müssen.

 

Opfer aus der Hechtsheimer Familie Weiß

Max und Recha Weiß, geb. Grünebaum mit ihren Töchtern Ilse und Lotte:

Max (Marx) Weiß, 1889 geboren, entstammte der alteingesessenen und weitverzweigten Hechtsheimer Familie Weiß. Sein Vater war der Metzgermeister Leopold Weiß, sein Bruder der 1935 in Hechtsheim verstorbene Eduard Weiß (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für dessen Frau Emma). 1920 heiratete Max Weiß die aus Idstein stammende Recha Grünebaum, dort 1895 geboren. Das Ehepaar hatte drei Kinder: die Töchter Ilse (geboren 1922) und Lotte (geboren 1924) sowie den Sohn Hans, der 1923 im ersten Lebensjahr verstarb. Die Familie wohnte in der Ringstraße 63. Max Weiß war Reisender von Beruf, vermutlich für die Firma Gebrüder Marxsohn, eine Großhandlung für Leder-, Tapezierer- und Sattlerbedarf in der Emmeransstraße 41 in Mainz. In dieses Haus zog er mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern 1926 und wurde kurz darauf einer der Prokuristen dieser Firma. Im Zuge der „Arisierung“, d.h. der Übernahme der Großhandlung durch die nichtjüdischen Besitzer Hofmann, Klein & Co. um 1938 verlor Max Weiß seine Stelle und wird nur unter großen Mühen das Geld für den Unterhalt der Familie verdient haben. Wahrscheinlich wurde auch seine Wohnung in der Leibnizstraße 24, wohin die Familie 1936 umgezogen war, in der Pogromnacht des November 1938 heimgesucht und demoliert. Max Weiß, seine Frau Recha und die ältere Tochter Ilse wohnten zum Schluss auf engstem Raum in einem der Mainzer „Judenhäuser“ in der Walpodenstraße 15. Sie wurden von dort am 30. September 1942 über Darmstadt deportiert und kurz darauf, vermutlich in Treblinka, ermordet. Max Weiß war 52, seine Frau Recha 47 und die Tochter Ilse 20 Jahre alt, als sie ermordet wurden. Max und Recha Weiß‘ jüngere Tochter Lotte war zu bisher nicht bekanntem Zeitpunkt von Mainz nach Berlin gezogen, vielleicht wegen einer Ausbildung oder einer beruflichen Tätigkeit. Ihre letzte Adresse war die Kommandantenstraße 58-59 in Berlin-Kreuzberg. Von dort wurde Lotte Weiß am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert und im Alter von 19 Jahren ermordet.

Eugenie Hirsch, geb. Weiß:

Eugenie Weiß, 1891 in Hechtsheim zur Welt gekommen, war eines von zahlreichen Kindern des Metzgermeisters Leopold Weiß und seiner aus Bensheim an der Bergstraße stammenden Frau Babette (Barbara), geb. Neuberger. Sie war eine Schwester des oben genannten Max (Marx) Weiß sowie auch von Eduard Weiß (siehe Stolperstein-Erinnerungsblatt für dessen Frau Emma). Ihre Mutter starb bereits 1907, der Vater 1929, beide sind auf dem jüdischen Friedhof Hechtsheim beerdigt. 1920 heiratete Eugenie Weiß in ihrer Heimatgemeinde den 1885 in Nierstein geborenen, nun aber in Berlin ansässigen Bankbeamten Emil Hirsch und zog zu ihm in die Hauptstadt des damaligen Deutschen Reichs. Das Ehepaar wohnte in Berlin-Steglitz in der Filandastraße 23. Über Kinder ist bisher nichts bekannt. Emil Hirsch wurde in der Pogromnacht des November 1938, wie viele jüdische Männer im ganzen Land, in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert und blieb dort etliche Wochen in Haft. Am 19. Februar 1943 wurde Eugenie Hirsch, geb. Weiß, zusammen mit ihrem Mann von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und musste dort im Alter von 51 Jahren in der Gaskammer ihr Leben lassen.

 

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